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26.09.2026 · Bettina Lohr

Ist das Zeitalter der Vernunft vorbei?

Ein Gastbeitrag darüber, wie das Vertrauen in die KI unsere Fähigkeit zu eigenständigem Denken untergräbt – und warum echte Vernunft nur im Streitgespräch mit anderen Menschen entsteht.

Als sich noch vor wenigen Jahren Menschen trafen, um in privaten Gruppen zu diskutieren, war das eine normale Sache. Man war nicht immer einer Meinung, aber das wurde auch nicht erwartet. Man rechnete mit Gegenwind. Wenn es um Politik oder Religion oder Fußball, also um jegliches Thema ging, wo man sich richtig reinsteigern konnte, rechnete man in besonderem Maße damit. Deshalb gab es insbesondere in Bewerbungsgesprächen lange Zeit die Erlaubnis nicht antworten zu müssen, wenn man gebeten wird seine politische oder religiöse Einstellung zu teilen. Warum? Weil den Menschen klar war, dass es andere gab, die man leben lassen musste, auch wenn man ihre Meinung nicht teilte; mit denen man auch durchaus zusammenleben konnte ohne sie bekehren zu müssen oder zu können, weil sie eben anders dachten. Das heißt nicht, dass man sich nicht auch ab und zu richtig raufte – natürlich tat man das. Man ging aus der Diskussion als Gewinner oder Verlierer heraus. Und wenn man Verlierer war, dann recherchierte man und kam das nächste Mal bewaffnet zurück. Der Punkt ist: die Menschen dachten unterschiedlich und das war normal. Es gab sogar das geflügelte Wort „es gibt nicht nur eine Wahrheit“, was zwar unwahr ist, aber gern von Pazifisten aufgegriffen wird, um kurzfristig Harmonie zu stiften. Manche brauchen eben einfach länger, um etwas zu begreifen und Wachstum passiert nicht auf Knopfdruck. Diese Unterschiedlichkeit der Menschen war etwas Wundervolles. So entstanden neue Ideen, so funktionierte Inspiration. Etwas Neues und etwas Altes trafen sich und zeigten gemeinsam Wege auf, die vorher überhaupt nicht in Betracht gezogen wurden. So entstanden neue Unternehmen und politische Parteien, einige davon freilich auf der Unwahrheit gegründet, aber was machte das? Sie alle bekamen eine Chance sich in der Realität zu beweisen.

Doch was passiert mit dem Aufkommen von KI?

Menschen lagern ihr Denken immer mehr aus. Und nicht nur ihr Denken, auch ihre Vernunft und Entscheidungsfähigkeit. „Wenn es die KI das sagt, dann muss es schon durchdacht sein!“, denkt man sich. Die KI ist zur neuen Autorität geworden, deren Urteil kaum noch jemand hinterfragt. Wir kapitulieren nicht nur unser Denken, sondern auch unsere Entscheidungsfähigkeit und Individualität. Und das nicht von jetzt auf gleich, sondern schrittweise.

Mit wem haben wir es zu tun? Eigentlich machen LLMs wie Claude und ChatGPT nichts anderes, als aus einem Corpus von Daten die herauszufischen, die sowohl aktuell als auch angemessen sind (nach dem Urteil des LLM-Corpus-Filters). Und dann raten sie, welche Ergebnisse plausibel sind, und geben sie aus. Plausibilität beruht dabei auf Menge. Es geht nicht darum das richtige Ergebnis zu finden, denn LLMs suchen nicht tief und recherchieren nicht nach. Sie haben keinen Sinn für Vollständigkeit und verharren gern auf der ersten Diskussionsebene, deren Lücken sie dann mit erdachten Fakten füllen. Und diese erste Diskussionsebene bringt selten einen Erkenntnisgewinn. Häufig ist es der gesellschaftliche Konsens. Das heißt LLMs verleiten dazu der Herde zu folgen. Sie werden jemanden, der eine harte oder neue Entscheidung treffen und etwas wagen will, davon abhalten, denn es ist ja noch nicht etabliert (keine Datenbasis) und außerdem riskant. Sie werden Menschen davon abhalten echte Konsequenzen aus etwas zu ziehen, denn sie sind nicht nur darauf trainiert milde und schön klingende Antworten zu geben, sondern sie hindern auch „ihren Menschen“ daran seiner eigenen Logik zu vertrauen. Lustig, das war mal der Job der Wissenschaften. Denn Wissenschaftler sind nichts anderes als das: Sie spülen harte Positionen weich, machen sie gesellschaftsfähig, indem sie sie durch ein System von „darf man sagen“ und „hat nach den Grundsätzen der Gesellschaft Hand und Fuß“ filtern und fungieren so als Compliance und HR-Abteilung von westlichen Gesellschaften. Der Unterschied zur KI ist, dass in Unis auch ab und zu radikale Ideen diskutiert werden können, denn die Institutionen basieren ja trotzdem irgendwo auf einem gewissen menschlichen Impuls und einer inspirierten Tatkraft.

Die KI bewirkt nun, dass der Compliance- und HR-Charakter der Unis komplett an die Maschine ausgelagert werden kann. Damit geben die Unis ihren Hoheitsanspruch auf die ethisch korrekt ergründete Wahrheit ab – wie doof für sie. Was aber noch viel schlimmer ist, ist das die weichen wie harten Erkenntnisse nicht mehr von inspirierten Einzelnen kommen. Es gibt keinen Peer-Review mehr, aber auch keinen gotcha-Moment in den Wissenschaften. Es gibt kein Popper-Falsifikationsprinzip mehr, denn es ist schlicht unmöglich etwas zu beweisen oder zu widerlegen, wenn du nicht mehr nur gegen einen einzelnen fehlgeleiteten Wissenschaftler oder eine einzige Veröffentlichung angehst, sondern gegen den gesellschaftlichen Konsens, der unbelegt und verantwortungslos und 1000x recycled über KIs verbreitet wird.

Zu allem Überfluss macht die KI auch noch alle, die sich dessen nicht bewusst sind, konformer, statt gebildeter; genau wie die, die an die Uni gehen, ohne ihr Hirn zu schützen, mit einem gewaschenen wiederkehren. Sie nimmt uns die Fähigkeit eine Sache kritisch zu hinterfragen, denn sie übernimmt das für uns oder tut zumindest so, denn genau wie die Uni einst „weiß sie alles“ und kann es mit den moralisch als richtig empfundenen Mitteln der Gesellschaft nachprüfen. Das ist noch viel schlimmer, als wenn man es nur mit hirngewaschenen Studenten einer Uni zu tun hat. Denn die KI-Wäsche betrifft heute nicht nur Studenten, sondern die komplette Gesellschaft, und für die Wäsche ist niemand mehr verantwortlich. Im Zeitalter der KI gewinnt, viel mehr als in den Zeitaltern davor, derjenige mit Medienmacht, mit Anteilen am Corpus der KI; derjenige, der sie einstellen und den Diskurs bestimmen kann; und er muss noch nicht einmal mehr Verantwortung dafür übernehmen, was dabei herauskommt. Nach heutiger Rechtsprechung haftet niemand für das, was eine KI ausgibt. Auch nicht der, der sie mit Informationen gefüttert hat. Welchen einfacheren Weg gibt es für Politik und Oligarchen sich ihre Untertanenschaft zurechtzumanipulieren?

Das bedeutet für uns Freien im Gegenzug: Es ist wichtiger denn je, einen eigenen Kopf zu haben und sich seine Individualität nicht nehmen zu lassen! Und es ist schwieriger denn je, genau das durchzusetzen. Dabei gibt es bereits erprobte Rezepte das zu bewerkstelligen.

In jedem Zeitalter waren genau diejenigen am anfälligsten für Propaganda und am empfänglichsten für fanatische Ideologien, die außerhalb der Gesellschaft standen: Ausgestoßene, mit denen niemand diskutieren wollte, oder Menschen, die sich selbst abkapselten. Solche Personen werden in der Kriminalistik als „Lone Wolves“ bezeichnet, weil sie, überzeugt von ihrer unangefochtenen moralischen Überlegenheit, am wahrscheinlichsten ihre Ideen in die Tat umsetzen und etwa Selbstmordattentate verüben. Wir alle werden gerade zu solchen Lone Wolves. Wir alle kapseln uns ab und reden nur noch mit der Maschine, statt mit echten Menschen mit anderen Meinungen, die uns Paroli bieten können. Denn genau dort entsteht die Leidensfähigkeit und Resilienz, die Toleranz und die Offenheit, an der unsere heutige Gesellschaft so sehr krankt.

Denn nichts überlebt eine politische Krise besser als ein stabiles Netzwerk oder eine fest verankerte Gesellschaft. Menschen, die sich ab und zu anderen aussetzen müssen, die nicht ihre Meinung teilen (was unweigerlich der Fall sein wird) sind nicht nur weniger anfällig politische Extreme zu wählen und fanatischen Gruppen beizutreten, sondern auch aufgrund des ständigen Trainings mit sich und der Umwelt, des ständigen Balancierens zwischen den eigenen Positionen und denen des Freundeskreises, resilienter im Umgang mit dem, was nicht ihren Werten entspricht. Toleranz wächst genau in solchen Gruppen, weil es nicht anders geht und man die Realität so nehmen muss, wie sie ist. Lasst uns daher zusammenhalten und miteinander diskutieren, statt mit den Uniformen zu verwachsen und zu Rädchen in der Maschinerie zu werden! Ohne uns gibt es keinen Fortschritt, kein neues Denken, keine Einsichten, keine Inspiration und vor allem: keine Vernunft.

Der Artikel wurde ausgiebig recherchiert. ChatGPT wird dennoch jede Quelle dementieren. Daher: Trust me Bro.